Leblos


Morgens wenn ich aufstehe, nehme ich eine Pille um wach zu werden. Das Frühstücken lasse ich sein, da ich kein Gefühl mehr dafür habe ob mein Magen voll oder Leer ist am morgen. Seit ich mehrere Tage hindurch erbrochen habe ist mir alles zu viel.

Auf dem weg zur Arbeit, Alltag… nichts ist anders, jeder geht seinen Weg. Die alte Dame die ich jeden morgen sehe ist nicht da. Sie war sonst immer da, auf ihren Platz und schaute wie ein Neugeborenes Kind aus dem Fenster mit Ihren Großen Kulleraugen. Nun ist sie nicht da… das erste mal… ein blick auf die Uhr verrät mir das ich Pünktlich eintreffen werde. Irgendwie freue ich mich nicht mehr darauf. Alles was ich tue ist einfach irgendwie, einfach nur da… nur noch da… es hat keinen besonderen Grund warum ich das mache. Es liegt nicht am Geld. Da ich eh alles Spare und mich nicht der Konsumgesellschaft verschreibe so bleibt ein Haufen Geld übrig.

Auf der Arbeit angetroffen, grüße ich die Leute die ich nicht mag, gezwungen Freundlich, damit sich keiner mehr beschwert. Dann eine Koffein Tablette damit ich anfangen kann zu arbeiten. Die Zeit vergeht kaum. Alles zieht sich. Die aufgaben türmen sich wieder. Was aber jeden Morgen so ist. Nachmittags habe ich eigentlich alles erledigt und ich sitze dann meist im kleinen Büro und starre auf die Wand.

Zwischendurch habe ich Mittagspause… doch diese verkürze ich meist, um mehr zu schaffen, keine Ahnung warum aber ich habe Angst davor nicht alles zu schaffen. Auch wenn das unlogisch ist da ich immer viel früher fertig werde, das war schon immer so.

Mein Mittagessen besteht aus einem Brötchen mit Käse, und einigen Vitamin Tabletten. Als Krönung meine Antidepressiva. Seit sich einige Leute beschwert haben, dass ich nicht Freundlich Ihnen gegenüber bin, nehme ich die. Heute Morgen wurde mir auch schon gesagt dass man sich freut, wie positiv ich mich verändert habe seit dem Gespräch, mit der Geschäftsleitung. Durch die Pillen fühle ich mich irgendwie Taub. Nichts ist mehr wirklich da. Es ist als würde ich einfach an allem vorbei gehen und nichts ist wirklich Real… alles nur aufgesetzt und versteckt hinter einer weißen undurchsichtigen Maske.

Ich kann irgendwie nicht mehr wirklich einschätzen wie es anderen geht. Das Macht mir wirklich Angst, ich habe Angst vor Ihnen aber ich zeige es nicht. Ich lache wenn sie Witze erzählen und Lache wenn sie an mir vorbei gehen. So sollte das weiterhin kein Problem sein. Ich bekomme so kurz vor

Schicht Schluss Kopfschmerzen. Ich tue erstmal nichts dagegen, weil mir dieser Schmerz das Gefühl gibt endlich zu leben.

Endlich Feierabend. Ab und an kommt es vor das ich eine SMS erhalte und mich ein Bekannter Fragt wie es mir so geht. Seit ich einmal die Wahrheit gesagt habe, und eine Lange Diskussion entfacht wurde, lasse ich das lieber sein. Mein Therapeut den ich einmal in der Woche besuche ist der einzige der weiß wie es mir wirklich geht. Auch wenn die Sitzungen immer gleich ablaufen und mir mein Therapeut (welcher mich stark an Van Gogh erinnert nur mit Ohrläppchen) bis auf ein gelegentliches “aha” und “hmm” bzw. kurze Detail Fragen sonst nur geduldig zuhört, tut mir das irgendwie gut. Am Ende jeder Sitzung fühle ich mich total ausgelaugt und mir kommt es vor als hätte ich gegen eine Wand gesprochen, aber solange die Krankenkasse das weiterhin zahlt macht das nichts.

Die SMS geht dann meist weiter mit der Frage ob ich am selbigen Abend was unternehmen möchte, was im Grunde nicht bedeutet das mich die Leute wirklich vermissen würden wenn ich nicht da wäre, da es eh ein Haufen Leute sind die sich gegenseitig mit ihrem Smalltalk auf die Nerven gehen. Dennoch ist es schön das man überhaupt gefragt wird… einmal in 2 Monaten tu ich mir das auch an, obwohl ich mir jedes mal schwöre sowas nicht wieder zu machen.

Dieses mal jedoch erhielt ich keine SMS, mir fällt gerade auf das sich in letzter zeit auch sonst keiner bei mir gemeldet hat…hm.

Meine Kopfschmerzen werden langsam unerträglich, daher nehme ein Aspirin und packe meine Sachen zusammen um mich auf dem Heimweg zu machen. Auf dem Rückweg, ist auch dieses mal die alte Dame nicht da, was mich wiederum sehr traurig stimmt. Wenn ich wüsste wo sie wohnt, könnte ich mal nach ihr schauen, wobei ich das wahrscheinlich auch nicht machen würde wenn ich ganz ehrlich zu mir bin. Was soll ich auch zu ihr sagen? Ich kenne sie ja nicht einmal. Meine Kopfschmerzen lassen nach und ich versuche unterwegs wach zu bleiben. Einmal bin ich eingeschlafen und wurde dann von dem Fahrer Aufgeweckt. Es war furchtbar, ich wusste nicht wo ich war und musste dann mit einem Taxi zurück fahren, was ca. eine Stunde dauerte bis ich zuhause eintraf.

Endlich zuhause angekommen! Alles ist Dunkel und still. Ich mache die Lichter in jedem Raum an und versuche damit ein wenig Leben hineinzubringen. Meine Kopfschmerzen fangen wieder an. Ich geh zum Küchenschrank und hole ein Glas heraus. Im Kühlschrank steht noch eine Flasche Cola, die gieße ich dann in das Glas. Diesmal nehme ich 2 Aspirin damit ich den restlichen Abend keine Probleme mehr habe und einige Vitamin Tabletten. Mein Magen tut weh, das Zeichen das mir sagt ich sollte jetzt was essen. Ich habe schon von klein auf kein richtiges Hungergefühl, ich würde gerne wissen wie es ist Hunger zu haben. Das einzige was ich verspüre sind Magenkrämpfe und mir wird leicht schwindelig, seit dem ich Vitamin Tabletten nehme ist zumindest das Schwindelgefühl nicht mehr da.

Ich öffne den Gefrierschrank und nehme dieses Mal die Rote Packung heraus, Gestern hatte ich die Grüne gehabt. Ich mag die Farbe Rot, da es mich irgendwie an Blut und somit an das Leben erinnert. Aus der Packung nehme ich eine kleine Schale heraus die ich in die Mikrowelle lege. Ich mag das Geräusch das die Mikrowelle macht, ich steh immer gern davor und schau dabei zu wie sich die Schale im inneren dreht. Das erinnert mich immer an meine Kindheit, damals vor der Schule habe ich mir immer Milch in der Mikrowelle warm gemacht. Das war ein schönes Gefühl. Ein Klingelzeichen ertönt und ich warte solange ab bis es selbst ausgeht, da ich das Klingeln es gerne höre. Ich öffne die Tür der Mikrowelle und ein chemischer Geruch nach Plastik und fertigem essen ström aus dem inneren.

Ich koche schon lange nicht mehr, damals habe ich es Täglich gemacht. Immer Frisch eingekauft nach der Arbeit und habe dann mit Genuss mein Essen zubereitet. Heute ist es mir egal was für Giftstoffe in meinem Essen ist, da lasse ich mich auch nicht mehr von einem Bio siegel hinweg täuschen. Das dieser Chemie Brei nicht gesund ist weiß ich, aber es ist mir egal geworden. Soviel Gift wie ich in meinem Körper habe, da ist das jetzt auch nicht mehr von Bedeutung.

Ich setzte mich an den Esstisch und esse. Es schmeckt nach nichts, dafür ist es schön bunt und freundlich. Portioniertes Gemüse mit Portioniertem Reis und ein Stück Fleisch mit Soße. Nachdem Essen bleibe ich eine weile sitzen, bis ich mich dann auf dem Weg ins Badezimmer mache um mich zu übergeben. Ich Wasche mein Gesicht und räume den Tisch ab. Dann setzte ich mich vor dem Fernseher und gucke einige Shows. Ich denke einfach nicht mehr darüber nach wie stumpfsinnig das ganze ist was ich mir da ansehe. Es ist mir egal.

Meine Magenschmerzen bessern sich und ich nehme noch eine Magentablette zu mir und 2 von den Schlaftabletten, damit ich die Nacht ein wenig schlaf bekomme. Dann mache ich mich auf dem weg in mein Badezimmer. Ich ziehe mich aus und lasse Kaltes Wasser Laufen, welches ich mir ins Gesicht spritze. Ein feiner schmerz, wie kleine Nadeln auf der Haut, einfach herrlich. Ich fühle mich Frisch und lebendig, das erste Mal an diesem Tag. Ich schaue in den Spiegel und Sehe das rötliche Gesicht, die Falten und die Augenringe, die in dem Badezimmer licht pechschwarz wirken. Ich bin alt geworden.

Langsam kommt das Taube Gefühl wieder und ich fange an mir die Zähne zu putzen. Ein Frisches sauberes Gefühl im Mund. Ich trockne mein Gesicht und ziehe meinen Schlafanzug an. Er riecht noch ganz neu. Wie fast alles was ich anziehe, ist auch das eine extra Anfertigung, wobei mir das nicht wichtig ist. Der einzige Grund warum ich meine Sachen anfertigen lasse ist weil ich nicht weiß was ich anziehen soll, oder was überhaupt zu mir steht. Früher wusste ich es, jetzt ist es mir auch irgendwie egal. Damit das nicht auffällt lasse ich mir Sachen zusammenstellen, was zwar nicht billig ist, aber da es eh das einzige ist wofür ich Geld ausgebe ist es mir egal. Zudem komme ich einmal im Monat in den Genuss beim Vermessen meines Körpers, berührt zu werden.

Ich genieße diese Aufmerksamkeit, auch wenn ich weiß dass ich dafür zahle und die Person mich nicht gerne berührt. Ich freue mich aber immer auf meinen Termin beim Schneider.

Ich mache mich auf dem weg ins Schlafzimmer. Es besteht im Grunde nur aus einem Großen weichem Bett, einem Beistelltisch auf dem eine Lampe steht und an der Decke ein Flachbildschirm, der dort hängt damit ich mir nicht den Hals verrenken muss beim fernsehen.

Schlaf bekomme ich leider nicht viel, obwohl ich Schlaftabletten nehme dauert es immer eine Weile bis ich eingeschlafen bin. Vorher wälze ich mich stundenlang hin und her. Es ist eine Qual die heute recht früh endet. Nach zwei Stunden schlafe ich langsam ein. Im Gedanken stelle ich mir vor wie sich die Schrauben des Flachbildschirms langsam lösen und der schwere Apparat auf mich fällt während ich schlafe. Langsam wird alles dunkel und ich schlafe ein.

  • entfremdete

    wow! finde ich sehr sehr gut, was du da geschrieben hast! die geschichte vermittelt auf eine mich sehr beeindruckende art unheimlich viel atmosphäre! wenn auch natürlich eine sehr traurige….noch mal: wow! ich bin hingerissen :)
    Grüße Julia

  • Mastermike

    Die Geschichte macht mich ein wenig traurig – dies und die Gewissheit das es Menschen gibt denen es so oder vielleicht so ähnlich geht, oder eventuell sogar einem selber so oder so erging…
    die detailgetreuheit finde ich sehr gut und auch die wortwahl in den sätzen, die geschichte setzt eine ganz bestimmt stimmung – erinnert mich irgendwie an schweren nebel… sehr interessant! mein lob!