Die Luft wird dünn: Zeit für einen Notfallplan?


Es ist nicht einfach, nicht in Panik zu verfallen, wenn ich mir der Tatsachen bewusst werde, wie sich die Welt gerade verändert. Veränderungen sind nicht immer einfach, aber oft wichtig und bringen auch positives. Vielleicht übersehe ich momentan einfach nur den Fakt, dass die Welt oder die Gesellschaft gerade noch auf dem Weg irgendwo hin ist.

Die Tatsache, dass Europa und Amerika bei den letzten Wahlen überwiegend rassistischer wählt, ist leider nicht abzustreiten. Doch wie soll ich damit umgehen? Ich befinde mich gerade in der Situation, eine gute Anstellung zu haben, ein eigenes Haus abzuzahlen und mit einem Mann verpartnert zu sein, den ich vertraue und Liebe. Der Fakt, dass die Rechtschreibkorrektur das Wort “verpartnert” nicht kennt, lässt nicht nur auf meine Rechtschreibschwäche schliessen, sondern auch darauf, dass die Gleichgeschlechtliche Ehe nicht etwas ist, was in der Realität angekommen ist. Es gibt keinen schützenden Bund der Ehe, der über uns schwebt und uns als Symbolische Einheit in der Gesellschaft darstellt.

“Wir, die Minderheit hat es doch gerade so gut. Oder?”

Als Verpartnertes Paar sind wir beim Staat als Homosexuell erfasst. Unsere letzten Adressen sind bekannt. Steuervergünstigungen und einige nette Features stehen uns mittlerweile zu. Doch bei der Berücksichtigung der momentanen Entwicklung, ist das ein potentielles Risiko dem wir ausgesetzt sind. Man kann Menschen die es darauf anlegen nicht ansehen, welchem Geschlecht Sie sich zugeneigt fühlen. Menschen können anderen etwas vorspielen um sich zu schützen oder um etwas zu bewirken. Die Möglichkeit im Notfall abzustreiten, man wäre Schwul, haben wir uns mit der Lebenspartnerschaft damit verbaut. Aber warum sollte ich das überhaupt wollen? Wir, die Minderheit hat es doch gerade so gut. Oder? Wir haben in einigen teilen der Welt Gesetzte die uns Schützen. Rechte die uns zustehen und somit auch kein Grund zur Sorge. Doch genau das ist momentan im Umbruch. Ganz Langsam und dadurch umso gefährlicher.

Dabei war die Hoffnung gerade noch so hoch, dass es endlich noch toleranter und einfacher wird in dieser Welt. Ich blicke auf über 50 Jahre Schwuler Bewegung zurück und mich überwältigt wie viel erreicht wurde. Wir leben momentan in einer Gesellschaft die offener den je über unterschiede spricht und darüber wie man damit richtig  und Inklusiv umgeht. Die Politisch Korrekte Sprache und der Umgang mit dieser, ist im Öffentlichen Diskurs angekommen und ist wichtig genug um Wert darauf zu legen. Doch nicht jeder ist damit einverstanden. Eine Masse von Menschen fühlen sich davon bedroht, dass altertümliche Stereotypen nicht mehr greifen. Sie fürchten um ihre “Werte”, ihre Männlichkeit, Weiblichkeit oder um andere Gesellschaftliche Konstruktionen, die sich über die Jahre eingebürgert haben.

Deren Irrationalen Ängste kann ich auf Gewisse weise verstehen, denn auch ich verspüre Sie. Dennoch unterscheiden Sie sich sehr voneinander. Mir ist ehrlich gesagt egal, wie eine Familie auszusehen hat. Wieviele Menschen eine Familie darstellen oder nicht, ist für mich irrelevant. Wenn Menschen sich selbst als Familie verstehen und damit Glücklich sind, ist das gut so. Ich habe damit nichts zu tun und das ist soweit auch ok für mich. Ob sich jemand eines Geschlechts zugehörig fühlt oder dieses Ablehnt, macht mir auch keine Sorgen. Die jeweilige interpretation vom eigenen Ich, ist jedem überlassen. Ob man glücklich oder traurig mit seiner Wahl ist, ebenso wie die Art und Weise wie sie mit anderen darüber sprechen.

Natürlich verstören mich auch Dinge. Ich verstehe nicht alles und wahrscheinlich werde ich es nicht nachvollziehen können. Aber das macht mir im Gegensatz keine Angst.

“Fremdenfeindliche und Menschenverachtende Parolen ploppen überall auf und werden Täglich “Normaler”.”

Als Kind habe ich nie verstehen können, warum es Grenzen gibt. Warum Menschen sich einem Land, so sehr verbunden Fühlen und niemanden Teilhaben lassen wollen. Natürlich ist mir heute bewusst, warum das so ist. Warum Menschen glauben für sich Dinge, Orte und Privilegen zu beanspruchen. Es ist einfach zu sagen, man möchte dieses Verhalten verurteilen, wenn man die meisten Privilegien selbst geniessen kann.

Jetzt sitze ich hier und versuche meine Gedanken zu sortieren. Obwohl die letzten Jahre so Positiv aussahen, schwankt diese fragile Sicherheit. Die Rechten Parteien hetzten jetzt wieder offen auf der Strasse, gegen Toleranz und Akzeptanz von Minderheiten. Es werden Ängste geschürt. Fremdenfeindliche und Menschenverachtende Parolen ploppen überall auf und werden Täglich “Normaler”. Wo anfänglich noch Schockiert über Rassistische Äusserungen debattiert wurde, ist es jetzt Alltäglich wenn Menschen mit jenen Parolen auf die Strasse gehen. Und jetzt?

“Brauchen wir einen Notfallplan?”

Nachdem ich mit meinem Mann über die momentane Situation in der Welt und im Land sprach, kam zwangsläufig die Frage: Brauchen wir einen Notfallplan? Und wenn ja, wie sehe der aus?

Wenn die Lage kritisch wird, müssen wir Auswandern? Untertauchen? Uns verstecken? Oder halten wir das aus und kämpfen für unsere Rechte? Doch ein Blick in die Vergangenheit und die Angst, dass sich Geschichte wiederholen könnte lassen mich momentan erstarren.

“Wir haben kein Israel, als Notfallplan.”

Wir haben kein Israel, als Notfallplan. Nicht einmal die USA ist eine Option mehr, wenn die Stimmung hoch kochen sollte. Das Land das für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit stand, wählt einen Rassistischen, Homophoben und Frauenfeindlichen Präsidenten. Gerade an einem Punkt in der Geschichte, an dem Minderheiten  in den USA geschützter den je sind. Natürlich ist und war noch Luft nach oben, keine Frage. Aber dieser Abgrund der jetzt vor uns klafft ist erschreckend nah. Und damit stehen die USA leider nicht alleine da.

Homophobie und Fremdenfeindlichkeit ist Angesagt. Hass und Missgunst, gepaart mit Irrationaler Angst führt die Menschheit an.

“Wann ist es zu Spät?”

Es ist einfach zu sagen, man solle sich nicht zu viele Gedanken machen. Doch wenn der Wind sich ändert und man zu Spät reagiert hat, bereut man es dann. Die Frage die sich dann stellt. Wann ist es zu Spät? Gibt es ein zu Spät? Oder anders gefragt, kann ich als Individuum etwas tun, um Gegen zu Steuern?

Wenn ich solche Themen mit Heteros, nicht Ausländern, weißen Menschen die sich keine Sorgen machen müssen anspreche. Dann wird es still. Rehaugen die im Scheinwerferlicht eines Autos blicken, gucken mich an und bleiben Achselzuckend sitzen.

Ich bin ratlos, unruhig und möchte mich nicht von meiner Angst lenken lassen. Nur ist es einfacher gesagt als getan.

Vielleicht übertreibe ich die Situation und alles steuert auf ein Schönes Ende zu. In einigen Jahre lache ich darüber. Aber was wenn nicht?